Historia Aventurica

Dieses Jahr soll ja mit der 5. Edition mein Wiedereinstieg in Das Scharze Auge erfolgen. Nachdem nun das Grundregelwerk von der RPC auf die RatCon verschoben wurde, blieb und bleibt mir nun etwas Zeit, mich mit der Entwicklung des Hintergrundes zu beschäftigen. 

Ich musste sehr schnell feststellen, dass das aktuelle Aventurien nicht mehr viel mit dem Aventurien zu tun, welches ich mit der 1. und der 2. Edition bespielte. Als ich Dere verlies, um in andere Rollenspiel-Welten einzutauchen, war Kaiser Hal gerade im Bornland verschwunden, Answin hatte den Thron geraubt und das Mittelreich zitterte vor den Orks, die sich anschickten, mit ihrem Orkensturm das Land zu verwüsten.

Werfe ich heute einen Blick nach Dere, so heisst das Güldenland jetzt Myranor, das Riesland Rakshazar, südlich der Inseln der Risso hat sich ein Kontinent namens Uthuria aufgetan, im Inneren Deres wird die Geschichte Tharuns fortgeschrieben, und in Aventurien ist kaum ein Stein auf dem anderen geblieben. Große Teile des Kontinents im Norden und im Osten werden von Dämonenpaktierern gehalten (gab es eigentlich zu "meiner" Zeit schon Dämonen bei DSA?), das Mittelreich hat große Teile seiner Fläche entweder an die Dämonenpaktierer oder in die Unabhängigkeit verloren und wird jetzt anscheinend von einer untoten Kaiserin regiert (sollte nicht nach Hela niemals mehr eine Frau auf dem Thron sitzen dürfen?). Schaue ich mich bei den wichtigen Persönlichkeiten um, kenne ich kaum noch jemanden. Bei einigen Namen lassen mich wenigstens die Nachnamen auf Abkömmlinge alter Bekannter schliessen.

Ein Crash-Kurs in neuerer aventurischer Geschichte tut not. Aber wie sollte ich das anstellen. Mein Abonnement des aventurischen Boten lief trotz meiner Abwesenheit von Dere hesindegefällig (aber ungelesen) weiter, aber der bei meiner Rückkehr nach Dere vorgefundene Stapel hatte eine beachtliche Größe erreicht. So machte ich mich auf die Suche nach einer kompakten Zusammenfassung der Ereignisse der letzten 50 aventurischen Jahre.


So stiess ich auf die Historia Aventurica. Die pdf-Datei umfasst zwar auch 337 Seiten, aber ein Blick ins Inhaltsverzeichnis offenbarte, dass die Zeit von "Kaiser Hal und der Dritte Orkensturm" bis zu einem "Krieg der Drachen" als aktuellstem behandelten Thema auf kompakten 32 Seiten zusammengefasst sind. Das erschien mir zunächst ein wenig kurz, aber sei es drum. Man kann sich ja auch noch ein weniger mit der älteren Geschichte befassen. 

An dieser Stelle muss ich einfügen, dass ich beim Erwerb der Historia Aventurica-pdf noch nichts davon mitbekommen hatte, wie sehr dieses Werk die DSA-Szene erschüttert hat. Aber dazu später mehr. 

Nun erstmal einige Worte zum Aufbau des Buches. Nach dem ausführlichen Vowort folgt die Kapiteleinteilung erst einmal den elf Zeitaltern (auch diese Einteilung war mir neu). Den ungeschriebenen Gesetzen realistischer Geschichtsschreibung folgen, werden die Kapitel immer länger, um so mehr wir uns der aventurischen Gegenwart nähern. Das Entstehen der Welt (1. Zeitalter) wird auf zehn Seiten behandelt, die Gigantenkriege (2. Zeitalter) auf fünf Seiten. Es folgen die Zeit der Drachen (3. Zeitalter) auf sieben Seiten, die Zeit der Trolle (4. Zeitalter) auf zehn Seiten, das Äon des Namenlosen (5. Zeitalter) auf fünf Seiten, die Zeit des ersten Volkes des Praios (6. Zeitalter) auf drei Seiten, die Vielbeinigen (7. Zeitalter) auf vier Seiten, das vergessene Äon (8. Zeitalter) naturgemäß auf einer Seite, die Zeit der maritimen Wesen (9. Zeitalter) auf zehn Seiten, die Zeit der Echsen (10. Zeitalter) auf 38 Seiten und das 11. Zeitalter (je nach Standpunkt das Zeitalter der Menschen oder das Zeitalter der Elfen und Zwerge) auf 202 Seiten. Abgerundet wird die Historica Aventurica durch fünfzehn Seiten mit Herrscherlisten sowie einen fünfzehnseitigen Index.

Stilistisch lässt sich sie Beschreibung der elf Zeitalter zweiteilen: Während das 10. und 11. Zeitalter eher in populärwissenschaftlichem Stil beschrieben werden, werden die ersten neun Zeitalter aus der Sicht der Unsterblichen Chalwen beschrieben. Insbesondere diese neun Kapitel wurden bei den DSA-Spielern eher negativ aufgenommen. Neben Kritik am Inhalt ging es um den recht herablassenden, oberlehrerhaften Stil, in dem Chaldwen den dummen kurzlebigen Menschen die naiven Vorstellungen  z.B. vom Wesen der Götter auszureden versucht. Denn Götter sind natürlich weder männlich noch weiblich, und sie pflanzen sich auch nicht durch Paarung fort. Ich fand diesen etwas herablassenden Stil, der auch nur hier und da auffällt, eigentlich recht passend und stimmig. Gerade der Chaldwen-Teil war fast wie ein Roman zu lesen, man ist verführt, das Pad nicht mehr aus der Hand zu geben.

Sehr gut gefallen haben mir (aber anscheinend auch nur mir) die vorgenommenen Änderungen/Setzungen/Konkretisierungen zur Kosmologie. Vergleiche ich das ganze mit DSA1/2 komme ich zum Ergebnis "Der aventurische Götterhimmel ist erwachsen geworden". Gerade das Verhältnis zwischen "den Unsterblichen" und denen aus Ihnen hervorgetretenen "Göttern" in Alveran ist in der neuen Form wirklich interessant und lässt vor meinem geistigen Auge schon eine Kampagne mit dem Arbeitstitel "Magier, Ketzer, Inquisatoren" erscheinen. 

Natürlich birgt dieser Teil der Historia Aventurica auch Probleme, das schwerwiegendste ist für mich, woher die Geweihten der "Halbgötter" ihr Karma erhalten. Hierzu ist ja im Netz schon viel diskutiert worden. Einen wirklich eleganten Lösungsweg habe ich nicht gelesen. Dies ist halt eines der Probleme, die man sich einbrockt, wenn man ein stringentes System ohne große weissen Flecken schaffen möchte und sich den Weg zu einem "Warum dies so ist und wie das funktioniert weiss niemand" verbaut. Die Spieltischrelevanz dieses Themas dürfe eher gering sein, betroffene Barbie-Spieler allerdings dürften am Rande eines Nervenzusammenbruches stehen. 

Die Schilderung der neueren Geschichte fällt recht knapp aus, allerdings macht dies die Historica Aventurica  auch zu einem guten Nachschlagewerk am Spieltisch. Leider scheinen sich aber gerade in der jüngsten Geschichte einige Klopper eingeschlichen zu haben, etwa der zwischenzeitliche Tod der Kaiserin. Ein solcher Fehler sollte einem (erfahrenen DSA-) Autoren nicht passieren. Einem Lektorat darf er nicht passieren. 

Eine nette Idee ist die Zeitleiste, die sich an Rand durch das ganze Buch zieht und wesentliche Daten, die auf der entsorechenden Seite behandelt werden mit kurzen Stichworten zum historischen Ereignis versieht. Mehr als die zeitleiste hätte ich mir Quellenverweise gewünscht.  Die Historia Aventurica greift zu großen Teilen auf Ereignisse zurück, die bereits in Abenteuern, Regionalbänden oder Romanen behandelt wurden. Leider gibt es dazu keinerlei Verweise. Ich bräuchte hier keine deraillierten Quellenangaben mit z.B. Seitenzahlen, aber eine Fussnote mit dem Verweis, dass diese Begebenheit im Rahmen des Abenteuers x oder des Romans y behandelt wurde, hätte den praktischen Nutzen der Historia Aventurica für mich massiv erhöht. Und wo wir gerade bei praktischem Nutzen sind: Der 15seitige, engbedruckte Index dürfte für Nutzer der gedruckten Historia ein gutes Hilfsmittel sein, pdf-Nutzer greifen eh' auf die Volltextsuche zurück. 

Alles in allem bereue ich den Kauf der Historia Aventurica nicht. Ich hatte - für einen Rollenspielband - viel Spass beim Lesen und blicke in Aventurien ein wenig mehr durch. Für mein eigentliches Ziel, mir den aventurischen Hintergrund seit dem Verschwinden Hals anzueignen, war der gegebene Abriss ein wenig kurz. Einen ersten Überblick habe ich gewonnen, aber hier werde ich noch ein wenig ergänzen müssen. 

Gespannt bin ich auf die überarbeitete Version, die js in nicht allzu ferner Zeit zum Download bereitstehen sollte. Für Ulisses wird das ganze meines Erachtens auch nicht allzu teuer, da ich vermute, dass nur wenige Spieler ihre Historia entleiben und das Umtauschangebot annehmen werden. Viele Spieler werden sich wohl die zurückgezogene Ausgabe als  Sammlerstück ins Regal stellen und die die überarbeitete Version kaufen. 

Für € 24,99 ist die pdf-Version der Historia Aventurica sicherlich kein Schnäppchen, aber ich würde sie mir wieder kaufen. 

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